Reformer oder Matte – womit soll ich mit Pilates anfangen?
Die meisten Menschen, die mit Pilates anfangen, fragen sich: Soll ich direkt auf den Reformer – das glänzende Gerät mit den Federn – oder erst auf die Matte? Viele Studios empfehlen den Reformer. Die Forschung sagt etwas anderes.
Warum diese Frage wichtiger ist, als sie klingt
Wer mit Pilates anfängt, steht oft vor der gleichen Wahl: Soll ich mit Mattenpilates beginnen – oder direkt mit dem Reformer? Die Antwort der meisten Studios lautet: fang mit dem Reformer an. Er klingt moderner, sieht beeindruckender aus und hat einen gewissen Premiumfaktor. Aber diese Empfehlung ist falsch – und die Forschung ist dabei eindeutig.
Pilates wurde von Joseph Pilates ursprünglich als mattenbasierte Methode entwickelt – die sogenannte „Contrology“. Der Reformer kam später hinzu, explizit als Werkzeug zur Unterstützung von Menschen, die die Grundbewegungen noch nicht aus eigener Kraft ausführen konnten – sei es durch Verletzung, Schwäche oder eingeschränkte Mobilität. Die Matte war der Standard. Der Reformer war die Hilfe.
Latey, P. (2001). The Pilates method: history and philosophy. Journal of Bodywork and Movement Therapies, 5(4), 275–282.Mattenpilates: Das Fundament, auf dem alles andere aufbaut.
Was die Matte wirklich trainiert – und warum das zuerst kommen muss
Mattenpilates ist auf den ersten Blick schlichter als das Reformer-Training. Kein Gleitbrett, kein Federwiderstand, keine Riemen. Genau das ist der Punkt. Auf der Matte arbeitest du ausschließlich mit deinem eigenen Körpergewicht – und das bedeutet: Dein Nervensystem muss lernen, die richtigen Muskeln anzusteuern, ohne dass ein Gerät dabei hilft oder korrigiert.
Das klingt einfacher. Ist es nicht. Auf der Matte kann man sich nicht verstecken. Fehlendes Körperbewusstsein, falsche Ansteuerung des tiefen Bauchs, eine kompensatorische Anspannung im Nacken – das alles wird sichtbar, wenn ein guter Trainer hinschaut.
Behm et al. (2010) zeigen, dass das Trainieren ohne externe Stabilisierung (also ohne Gerät) die propriozeptiven Fähigkeiten – das Körpergefühl – deutlich stärker verbessert als gerätegestütztes Training. Wer Bewegungen zunächst frei ausführen lernt, entwickelt ein tieferes neuromuskuläres Muster. Genau das braucht man als Basis für jede weitere Trainingsform – inklusive des Reformers.
Behm, D. G., et al. (2010). The use of instability to train the core musculature. Applied Physiology, Nutrition, and Metabolism, 35(1), 91–108.Was auf der Matte konkret geübt wird
Im Mattenpilates lernst du, die tiefe Körpermitte – Beckenboden, transversus abdominis, multifidus – bewusst anzusteuern. Du übst neutrale Wirbelsäulenposition, lernst den Unterschied zwischen Hüftflexion und Lendenflexion, und entwickelst ein Gefühl dafür, wo in deinem Körper eine Übung eigentlich stattfinden soll. Dieses Körperwissen ist keine Kleinigkeit – es ist die Voraussetzung dafür, dass jede weitere Trainingsform wirksam und sicher ist.
Bevor du mit einem Gerät trainierst, das dich führt und unterstützt, musst du wissen, wie sich die richtige Ausführung anfühlt. Die Matte lehrt dich genau das – weil sie dir keine Hilfe anbietet. Sie zwingt dich, mit deinem eigenen Körper zu arbeiten.
Wann kommt der Reformer ins Spiel – und warum macht er dann Sinn?
Der Reformer ist ein außergewöhnliches Trainingsgerät. Joseph Pilates entwickelte ihn, wie bereits erwähnt, als Hilfsmittel – aber ein Hilfsmittel, das in beide Richtungen wirkt: Es kann Übungen erleichtern und intensivieren. Das macht ihn ideal für zwei Gruppen:
- Menschen mit körperlichen Einschränkungen – nach Verletzungen, bei chronischen Schmerzen oder in der Rehabilitation. Der Reformer ermöglicht es, Übungen in einem Bewegungsradius auszuführen, der auf der Matte noch nicht möglich wäre.
- Fortgeschrittene Pilates-Praktizierende – die ihre Grundlagen kennen und das Training vertiefen, präzisieren und intensivieren möchten.
Yamato et al. (2015) zeigen in einer systematischen Übersichtsarbeit, dass Pilates – sowohl matten- als auch reformerbasiert – bei chronischen unspezifischen Rückenschmerzen wirksam ist. Entscheidend für das Ergebnis war dabei nicht das verwendete Gerät, sondern die Qualität der Anleitung und die individuelle Anpassung der Übungen.
Yamato, T. P., et al. (2015). Pilates for low back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews, 7.Im Kate Mill Training Club Edenkoben – Mattenpilates in Gruppe, Reformer als Personal Training.
Warum der Reformer nicht für die Gruppe funktioniert
Es gibt einen weiteren, praktischen Grund, warum der Reformer nur im 1:1-Setting sinnvoll ist: In einer Gruppe mit zehn Personen kann eine Trainerin nicht gleichzeitig auf zehn verschiedene Körper eingehen. Der Federwiderstand muss individuell eingestellt werden. Der Bewegungsausmaß muss angepasst werden. Die Ausgangsposition variiert je nach Körperlänge, Einschränkung und Ziel. Das ist im Gruppenformat schlicht nicht umsetzbar – ohne Abstriche bei Sicherheit und Wirksamkeit.
Auf der Matte sieht das anders aus. Die Übungen sind skalierbar, und eine erfahrene Trainerin kann mit kleinen verbalen oder taktilen Korrekturen auch einer ganzen Gruppe zu sauber ausgeführten Bewegungen verhelfen. Mattenpilates funktioniert in der Gruppe – wenn die Gruppe klein genug ist.
Die Reihenfolge in der Praxis
Das bedeutet nicht, dass jemand jahrelang auf der Matte trainieren muss, bevor er auf den Reformer darf. Nach einigen soliden Wochen Mattenpilates – mit wirklichem Verständnis für Ansteuerung und neutrale Wirbelsäule – ist der Reformer ein sinnvoller nächster Schritt.
Fazit: Matte zuerst, immer
Die Antwort auf die Frage ist klar: Fang mit der Matte an. Nicht weil der Reformer schlechter ist – er ist wunderbar. Sondern weil du auf der Matte lernst, deinen Körper zu verstehen. Und dieses Verständnis macht anschließend jede andere Trainingsform – inklusive des Reformers – deutlich wirkungsvoller und sicherer.
Pilates kennenlernen – in Edenkoben
Mattenpilates in kleiner Gruppe oder Reformer-Training als Personal Training – beide Optionen findest du im Kate Mill Training Club.
